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 "Das letzte Mal, das du Jemandem helfen wolltest, sind wir eine Stunde lang durch den Wald geirrt, weil wir eine Leiche zu vergraben hatten" (Dicey, San)

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Feuerchen
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BeitragThema: "Das letzte Mal, das du Jemandem helfen wolltest, sind wir eine Stunde lang durch den Wald geirrt, weil wir eine Leiche zu vergraben hatten" (Dicey, San)   Mo 2 Nov 2015 - 0:12

Die Wärme, die ein Lebewesen nach seinem Tod und kurz vor der vollständigen Erkaltung des leblosen Körpers abgebe, sei die letzte reine Lebensenergie, die den Körper eins angetrieben hat. Das hatte seine Mutter behauptet. Und, wenn man in der Gunst der Seelen stand und sich ganz in der Nähe des Sterbenden befand, dann könne man eben diese Wärme aufnehmen, die Lebensenergie einatmen. Dann wäre man weiser und trüge ein Stück dieses Menschen immer mit sich.
Das Mädchen vor ihm war noch warm, wenn auch schwach. Doch Dicey spürte nichts außer dem kalten Skalpell in seinen Händen. DNA Proben hatte er ihr bereits entnommen, mit dem Aufschneiden musste er jedoch warten bis die Leichenstarre vorüber war. Dafür müsste sie überhaupt erstmal einsetzen. Zu frisch war die Leiche, zu unmittelbar nach dem Tod gefunden worden. In der Kürze der Zeit hatte man noch nichts über sie herausfinden können. Wo sie her kam, wer jetzt in diesem Augenblick vielleicht nach ihr suchte oder bereits um sie trauerte. Und nicht zuletzt, wer sie ermordet hatte.
Sie war verflucht gewesen. Das hatte Dicey nicht in ihrer DNA gefunden, sondern viel simpler an den auffallend spitzen Eckzähnen erkannt. Sie war ein Vampir gewesen. Das erklärte dann auch den Holzpfahl, der ihr mitten durchs Herz getrieben worden war. Einen Vampir hatte Dicey noch nie auf diesem Tisch liegen gehabt. Er fragte sich, wie sie wohl von Innen aussehen mochte. Ob ihr Herz schwarz war, ihre Gedärme verrottet wie die einiger Dämonen, die er bereits aufgeschnitten hatte. Oder ob sie ganz im Gegenteil weiß oder gar durchsichtig wie Porzellan oder Glas waren, weil es ihr an eigenem Blut fehlte.
Sanft lächelnd platzierte er das Skalpell sehr sorgfältig parallel und keinen Millimeter zu schief neben seine anderen Instrumente auf dem kleinen Beistelltischchen. Wie eine kostbare Puppe deckte er das Mädchen mit einer Plastikdecke ab. Ein letztes Mal durfte sie sich noch schlafen legen. Zwei Reagenzgläser – eine Blut- und eine Haarprobe – klemmten in einer hölzernen Halterung, die er vorsichtig in beide Hände nahm, um sie mit in den benachbarten Raum zu bringen, wo er Zugang zu den richtigen Säuren und Mittel hatte, die im erlaubten, die Proben in ihre kleinsten Einzelteile zu zerlegen, mehr über sie in Erkenntnis zu bringen. Vor Allem aber die Untersuchung des Blutes faszinierte ihn, war es doch nicht ihr eigenes Blut, das vor kurzer Zeit noch durch ihre Adern geflossen war. Er wollte wissen, wie der Körper fremdes Blut verarbeitete, ob er es zu Eigenem machte. So viele offene Fragen, von deren Beantwortung ihn nur wenige Stunden trennten. So lange würde er sich erdulden müssen und darin war Dicey zum Glück durchaus erprobt.
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BeitragThema: Re: "Das letzte Mal, das du Jemandem helfen wolltest, sind wir eine Stunde lang durch den Wald geirrt, weil wir eine Leiche zu vergraben hatten" (Dicey, San)   Sa 14 Nov 2015 - 7:29



Lange dünne Rauchfäden waberten durch die immerwährend kühle Luft. Der Geruch nach Rauch und exotischen Kräutern mischte sich in die grauen Schwaden, die sich nach wenigen Sekunden auflösten. Geschäftige Gestalten huschten durch die matschigen Straßen und am Horizont, über den erdfarbenden Dächern der Häuser, boten schneebedeckte Gipfel einen beeindruckenden Anblick.
Die einzigartige Natur Cacumas, die trotz des kühlen Klimas jede Menge Schaulustige aus ganz Secratia anlockte, hatte für den jungen Mann, der rauchend gegen eine Häuserwand lehnte, schon lange ihren Reiz verloren. San hatte den einen Arm vor der Brust verschränkt. In der anderen Hand balancierte er eine filigrane, längliche Pfeife aus dunklem Holz. Sein unergründlicher Blick huschte langsam hin und her, auf der Suche nach irgendetwas, das seine Aufmerksamkeit verdiente. Denn ihm war sterbens langweilig.
Düster blickte er den Leuten hinterher, die aufgeregt von einem Gebäude zum nächsten huschten. Die Klinik war an diesem Tag auf Hochbetrieb. Mord und Krankheit hielten die Angestellten der Institution auf trab. Normalerweise war es ein beschämend angenehmes Gefühl, anderen Menschen bei der Arbeit zuzusehen; da San jedoch nicht wusste, wie lange er noch tatenlos dort herum stehen musste, bis Dicey genug Kadaver zerstückelt hatte, hielt sich seine gute Laune in Grenzen.
Der letzte Rest seines Tabakvorrats löste sich gerade in Rauch und Asche auf. Er leckte sich kurz über die trockenen Lippen und seufzte. Ein paar Momente verharrte er unschlüssig gegen die kalte Wand gelehnt, dann klopfte er die Asche aus der Pfeife schwungvoll an der Hauswand ab und verstaute sie in den Tiefen seiner weiten Weste. Die verkohlten Kräuter fügten sich prächtig in den matschigen Boden ein.
Langsam schlurfte der Schwarzhaarige Richtung Pathologie. Das Gebäude war genauso hässlich wie alle anderen aber zumindest war es drinnen um einiges wärmer. Ziellos und ohne Eile erklomm San die glitschigen Stufen und trat zum gefühlt hundersten Mal durch die hohe Eingangstür. Drinnen wurde er von warmer Luft, dem durchdringenden Geruch nach Chemikalien und, zu seiner Freude, dem breiten Lächeln der Empfangsdame begrüßt.
Die junge Frau namens Molly hatte ein hübsches Gesicht, lange blonde Haare und ein verspieltes Blitzen in den Augen. San schätzte ihren makabren Humor genauso wie den Fakt, dass sie den Grund für seine häufigen Besuche dezent unter den Tisch fallen ließ. Ohne Umwege gesellte der Schwarzhaarige sich zu ihr und nickte ihr grüßend zu.
"Und? Auch langweilig?",eröffnete er beiläufig das Gespräch. Jede Ablenkung tat gut.
"STERBENSlangweilig",antwortete sie und kicherte, ob der Anspielung an die Pathologie. Der Hauch eines Lächelns huschte über Sans Gesicht. Molly hatte die Arme auf dem Tisch verschränkt und ihren Kopf darauf abgelegt. Sie blinzelte ihn aus halbgeschlossenen Augen an und ein Lächeln stahl sich auf ihre vollen Lippen.
"Er wird noch eine Weile brauchen. Gerade ist eine neue reingekommen. Junges Mädchen.", sagte sie beiläufig und bemerkte, wie der Blick ihres Gegenübers sich verdüsterte. Stille folgte, die nur von dem langsamen Ticken der alten Standuhr neben dem Empfangstresen unterbrochen wurde. Da San keine Anstalten machte auf ihre Anmerkung zu reagieren, strich sie sich lasziv eine goldblonde Strähne aus ihrem Gesicht und fuhr fort.
"Warum trifft es eigentlich immer die gutaussehenden Männer?",fragte sie theatralisch. San zog fragend eine Augenbraue hoch und hoffte auf eine Erklärung. Molly änderte ihre Taktik.
"Ich hab es ja anfänglich nicht glauben wollen... Aber Gegensätze scheinen sich anzuziehen." , betont beiläufig begutachtete sie ihr Nägel,
"Wohnt ihr beiden eigentlich schon zusammen?"
Plötzlich wurde dem Schwarzhaarigen klar, worauf die Frau anspielte. Ärger färbte seine Wangen rot und ungläubig riss er die Augen auf. "Dicey und... Nein. NEIN. Was zur Hölle? Allein bei dem Gedanken wird mir übel."
San hatte abwehrend die Arme gehoben und war prompt zwei Schritte zurück getreten. Er schien wirklich so auszusehen, als müsste er sich gleich übergeben, denn Molly hatte sich überrascht aufgerichtet.
"Das heißt, du bist den Frauen nicht abgeneigt?", hauchte sie und lächelte dann verschmitzt.
Natürlich hatte San bemerkt, dass sie mit ihm flirtete. Schon seit einer ganzen Weile hatte sie kleine Anspielungen und Gesten in seiner Gegenwart gemacht. Hier ein verheißungsvolles Klimpern mit den Augen, dort ein zweideutiger Kommentar. Molly war der Typ Frau der Spaß mit anderen Menschen suchte und daran gab es nicht Verwerfliches. Doch der Schwarzhaarige hatte bisher keine Lust gehabt und war nicht auf das Geplänkel der jungen Frau eingegangen. Er wollte gerade das Thema wechseln, als er plötzlich inne hielt.
Warum eigentlich nicht? Ihnen beiden war schrecklich langweilig.
Warum nicht ein wenig Spaß haben? Außerdem, so wurde San mit Genugtuung klar, würde er sehr viel Spaß haben. Eine andere Art von persönlicher Freude, die Molly nicht mal im Entferntesten erahnen konnte, weil sie nicht mit derselben Last umher lief wie er. Kurzum entschied er sich, zur Abwechslung einmal mitzuspielen.
"Abgeneigt? Nicht mal ansatzweise. Soll ich es dir beweisen...?", es brauchte nur wenige Worte und die nonverbale Kommunikation zwischen den beiden tat den Rest. Dieses Mal war das Lächeln auf Mollys Lippen triumphierend.

Molly versicherte ihm mit roten Wangen, dass sie niemand vermissen würde. Alle anderen Arbeiter waren viel zu beschäftigt um diese Zeit. Sie hatte ihn resolut an Arm gepackt und ihn in ein Hinterzimmer ihres Büros geschleift. Die Tür war abgeschlossen. Molly war hitziger als er erwartet hatte; sie hatte ihn verspielt gegen die Wand gestoßen und unvermittelt ihre vollen Lippen auf seinen Mund gepresst. Sie war kleiner als er und stellte sich unbewusst auf Zehenspitzen um auf Augenhöhe mit ihm zu sein.
Ihr rauen Hände zerzausten seine dunklen kurzen Haare während ihre Zungen umeinander tanzten. Nach einigem Zögern legte er die Arme um ihre Hüften und zog sie näher an sich heran. Beide hatten die Augen geschlossen, doch er spürte, wie sie anerkennend nickte. Molly schmeckte nach Vanille und süßem Tee. Einen Moment lang löste sie sich von ihm um zu Atem zu kommen und fuhr mit ihren Fingernägeln über seinen Nacken, sodass er schauderte.
"Ich bin noch nicht ganz überzeugt...",wisperte sie keck, ließ ihm jedoch keine Zeit zu antworten, bevor sie sich wieder auf ihn stürzte. San spürte ihre Brüste eng an seinen Oberkörper gedrückt. Die Kälte außerhalb des Gebäudes war nichts im Vergleich zu der Hitze, die sich in seinem Körper anstaute. Molly hatte begonnen mit ihren Lippen seinen langen, schlanken Hals herunter zu wandern während die Finger des Schwarzhaarigen über ihre Kurven streichelten. Die Gefühle und Empfindungen in diesem Moment, die seine Wahrnehmung trübten, trieben ein verschlagendes Grinsen auf sein Gesicht. Genauso wie die Vorstellung, wie es sein musste, mit all der Hitze und Lust und Überschwänglichkeit die er im Moment verspürte, zu versuchen, eine Leiche erfolgreich auseinander zu nehmen...
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Feuerchen
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BeitragThema: Re: "Das letzte Mal, das du Jemandem helfen wolltest, sind wir eine Stunde lang durch den Wald geirrt, weil wir eine Leiche zu vergraben hatten" (Dicey, San)   Do 19 Nov 2015 - 21:33

Im Labor blieb Dicey nicht länger alleine. Die bebrillte Kollegin mittleren alters und dessen halb so junger tollpatschiger Praktikant besetzten einige Geräte im Nebenraum. Mia Lindgaard ist vor zwei Monaten 46 Jahre alt geworden. Zum Geburtstag hat sie einen Kuchen mit lustigen Blutspritzern aus Erdbeermarmelade und die Scheidung bekommen. Sie hat keine Kinder, weil sie keine bekommen kann. Das ist ihr Fluch. Obwohl sie behauptet, dass es ein Segen wäre. Genauso wie sie schon seit 7 Jahren behauptet, 39 zu sein. Aber das ist okay. Denn sie sieht noch immer so aus, als wäre sie es. Wann immer die Leiche eines Kindes auf ihrem Tisch landet, wird sie ganz blass und entschuldigt sich für einen Moment. Dann kommt sie mit geröteten Augen wieder. Sie weint nur, wenn sie alleine ist. Seit ihr Mann sie verlassen hat, ist sie das oft. Mia ist in Cacuma geboren und aufgewachsen. Eigentlich hat sie in Principia studieren wollen. Dort hätte sie sogar ein Stipendium bekommen. Ihre Arbeiten und Forschungsergebnisse waren überdurchschnittlich und fortschrittlich. Manche sagen, sie sei für die Liebe geblieben. Andere behaupten, sie hätte Angst gehabt. Dicey weiß, dass Nichts davon eine Rolle spielt, denn Mia ist geblieben, weil sie ihre Heimat liebt. Außerdem ist sie stark und intelligent genug, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Obwohl es Dicey anwidert, dass sie an ihren Nägeln kaut. Das tut sie vor Allem dann, wenn sie die Nacht zuvor nur schlecht geschlafen hat. Das erkennt man an ihren Augenringen. Die lassen sie manchmal ein paar Jahre älter erscheinen.
Antonio Marinoya ist 23 hätte eigentlich Arzt werden sollen. Das haben seine Eltern so gewollt. Seine ältere Schwester hätte es schließlich auch zu Etwas gebracht und sein kleiner Bruder beherrscht seit seiner Geburt Telekinese. An der Universität in Lumeena wollte man ihn nicht haben. Eigentlich wollte ihn keine Universität haben. Und deshalb ist er hier. Dabei vermisst er die Sonne, das Meer und den Strand. Richtig heiß wird ihm jetzt nur noch, wenn er mit Mia schläft. Ursprünglich hatte er es auf die Empfangsdame Molly abgesehen. Aber die hatte Augen für Jeden, außer Antonio. Kein Wunder, denn mit seinen schlechten Anmachsprüchen und der Überdosierung an Parfüm ist Mia eigentlich die Einzige, die seine Avancchen je angenommen hat. Antonio tut so, als könne ihn nichts erschüttern. Dabei stottert er, wenn Molly in seiner Nähe ist und lässt Skalpelle und Reagenzgläser fallen, wenn Mia vor ihm eine Leiche öffnet. Wenn Antonio glaubt, dass ihn Niemand hören kann, dann singt er leise vor sich hin. Er hat eine schöne Stimme und Dicey wäre es lieber, wenn er immer nur singe, anstatt zu reden. Er hätte Sänger werden sollen, aber sobald ihm Jemand zuhört, bekommt er keinen Ton mehr heraus. Eine Zeit lang hat er in verschiedenen Restaurants in Lumeena gekellnert. Aber man hat ihn gefeuert, weil er den Frauen in den Ausschnitt gegafft hat und vor lauter Aufregung die Tabletts fallen gelassen hat. Für die raue Farmarbeit in Aspera war er nicht stark genug gewesen und in den Fabriken in Aura hat er versehentlich die Maschinen kaputt gemacht und zum Stillstand gebracht. Ihn in die Nähe von noch lebenden Patienten zu lassen war ein Fehler, aus dem man schnell gelernt hatte und jetzt ist er hier.
Als er das erste Mal mit Mia schlief, war sie noch verheiratet gewesen. Das war ein furchtbares hin und her zwischen den Beiden, weil sie das Drama liebte und er ihre Brüste. Immer, wenn sie eine Nacht zusammen verbringen, kommt Mia exakt fünf Minuten früher auf der Arbeit an als Antonio. Im Bett kommen sie Beide hoffentlich gleichzeitig. Wenn Mia ihre Haare offen trägt, ist es wieder eine besonders leidenschaftliche Nacht gewesen. Weil sie damit die blauen Flecken an ihrem Hals verdeckt. Wenn Antonio sich streckt, um Utensilien aus den oberen Regalen zu holen, dann rutscht sein Hemd gerade so weit hoch, dass man die Kratzspuren auf seinem Rücken erkennen kann. Eigentlich soll Niemand davon wissen. Aber Dicey weiß es. Irgendwann, das hat er sich vorgenommen, wird er die Beiden auffliegen lassen. Aber Mia ist eine der brauchbarsten Kolleginnen und nur deshalb hat er ihre Spielchen bisher so lange toleriert.

Das ist nur der Anfang von all dem, was Dicey über die Beiden weiß. Trotzdem begrüßte er sie nur mit einem knappen Lächeln. Solange sie schwiegen, würde er es auch tun. Vielleicht wussten sie das, vielleicht ahnten sie das, vielleicht beachteten sie ihn nur nicht, weil sie ihn tatsächlich nicht gesehen hatten. Das kam vor.
Jetzt stand er mit dem Rücken zu den Beiden, konnte nur das Rauschen ihrer Kittel und Antonios groben Umgang mit den Laborutensilien hören, der ihm im kalten Herzen wehtat. Dicey richtete seine Aufmerksamkeit auf die Blutproben vor sich. Er benutzte immer die selben Geräte und sah sie nur ungern in anderen, weniger talentierten Händen. Er wusste genau, wenn Jemand anderes zuvor damit hantiert hatte. Teils, weil sie noch warm waren, teils, weil man sie ihm noch ungesäubert hinterlassen hatte. Heute war das jedoch nicht der Fall.
Mit einer Pipette entnahm er dem Reagenzglas einen Tropfen Blut, den er auf eine Petrischale tröpfelte. Simultan rann ihm die erste Schweißperle über die Stirn. Er räusperte sich verhalten, warf einen schnellen Blick auf das Thermostat an der Wand. Normale Raumtemperatur. Keine Veränderung. Trotzdem war ihm heiß. Gleichzeitig rann ihm ein warmer Schauer über den Rücken Mit dem Handrücken wischte er sich über die Stirn. Sein Herz raste und sein Atem entwich ihm unregelmäßig durch verzweifelte Versuche, sich zurückzuhalten. Die Pipette glitt ihm aus den Fingern und die rote Flüssigkeit brachte die Scherben auf dem Boden zum Schwimmen.
Er bückte sich nicht danach, weil diese Bewegung taktisch unklug war und unter Umständen unangenehme Konsequenzen hätte. Stattdessen entledigte er sich seines Kittels, hing ihn sorgsam zurück an seinen Hacken. Dabei war es nicht der Kittel, der ihm plötzlich zu eng und warm geworden war.
Mittlerweile war es Mia und Antonio unmöglich geworden, Dicey zu ignorieren. Viel mehr besorgt und ein kleines bisschen amüsiert beäugten sie ihn als er ungewohnt fluchtartig den Raum verließ. Was er doch sonst nie tat. Eher schob er Überstunden als dass er eine Arbeit unfertig zurückließ. Denn seine Arbeit war sein Hobby und sie faszinierte ihn und er liebte sie. Aber er liebte sie nicht so sehr. Es waren auch weder die starren, nackten Brüste des Vampirmädchens gewesen, die diese fürchterliche Hitze in die unteren Regionen seines Körpers getrieben hatte. Noch lag es an den Gedanken die leidenschaftliche Affäre seiner Kollegen. Eigentlich konnte es nur einen Grund geben. Und weit weg konnte dieser nicht sein. Hinzu kam das instinktive Gespür füreinander, die starke unzertrennliche Bindung.
Molly saß nicht auf ihrem Platz. Das war die zweite Erkenntnis. Mit zunehmend größerer Anstrengung, sich nicht zu offensichtlich anmerken zu lassen, was genau gerade in seinem Körper vor sich ging, trieben ihn die Instinkte wie die Erde den Mond anzog an die Tür des kleinen Hinterzimmers. Er hörte die dumpfen Geräusche durch die Tür, nahm einen zittrigen, tiefen Atemzug – der Druck zwischen den Beinen hatte längst schmerzhafte Züge angenommen – und drückte schamlos, was er dahinter wohlmöglich entdecken würde, die Tür auf. Nur, um sie dann verschlossen vorzufinden.
Den leisen Fluch sparte er sich, hämmerte stattdessen mit der flachen Hand gegen die Tür, ohne tatsächlich eine Antwort zu erwarten. In Ermangelung einer besseren Waffe, blieb ihm nur noch die spontane Möglichkeit, sich selbst eine gehörige Ohrfeige zu verpassen, in der Hoffnung, dass sie mit der selben Wut bei San ankam, während er selbst das erfrischende Prickeln auf seiner nun geröteten Wange weitestgehend zu ignorieren versuchte.
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BeitragThema: Re: "Das letzte Mal, das du Jemandem helfen wolltest, sind wir eine Stunde lang durch den Wald geirrt, weil wir eine Leiche zu vergraben hatten" (Dicey, San)   Mo 5 Sep 2016 - 18:26

San:

San beugte sich über Molly, damit sie sein Grinsen nicht sehen konnte. Obwohl Dicey in Sans Augen die emotionale Kapazität einer Kartoffel besaß, spürte er in seinem Hinterkopf ein leichtes Pulsieren- die abgeschwächte Übertragung von Diceys Wut, die San durch ihre ungewollte Verbindung zueinander klar und deutlich wahrnehmen konnte. Sehr gut.
Leise flüsterte er Molly Worte ins Ohr, die der jungen Frau ein leises Kichern entlockten und sie küssten sich erneut tief und innig. Das penetrante Klopfen an der kleinen Tür zum Hinterzimmer riss die beiden jedoch schnell wieder auseinander.
"Was zum...?", wisperte Molly schockiert und mit roten Wangen.
"Das ging aber schnell...",murmelte San stattdessen und erneut zuckte ein bösartiges Lächeln über sein Gesicht. Er hörte ein dumpfes Klatschen hinter der Tür und seine Hand zuckte reflexartig zu seiner eigenen Wange, in der sich ein unangenehmes Prickeln ausbreitete.
Oh, aber San war noch lange nicht fertig, sein Anhängsel zu provozieren.
Mit einer Handbewegung bat er Molly zurückzutreten und legte noch zusätzlich den Finger auf die Lippen und bedeutete ihr sich unauffällig zu verhalten. Die junge Frau nickte und knöpfte sich schnell die Bluse zu. Sie sah nun ernsthaft nervös aus.
San holte tief Luft und versuchte so ernst wie möglich zu schauen, als er den Schlüssel im Schloss umdrehte und die Tür- nur einen kleinen Spalt breit- öffnete. Betont ruhig schaute San in die zweifarbigen Augen seines Gegenübers.
"Tut mir leid Sir, die Frau Doktor ist gerade beschäftigt. Kommen sie doch in 20 Minuten nochmal wieder.", ohne auf eine Antwort zu warten, schloss San wieder die Tür. Sollte der Trottel sich doch so oft selbst eine klatschen, wie er lustig war.
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BeitragThema: Re: "Das letzte Mal, das du Jemandem helfen wolltest, sind wir eine Stunde lang durch den Wald geirrt, weil wir eine Leiche zu vergraben hatten" (Dicey, San)   Mo 12 Sep 2016 - 21:54

Dicey

Lange hielt die Erleichterung über die geöffnete Tür nicht an, denn lange blieb sie schlussendlich gar nicht erst geöffnet. Dicey hatte kaum einen Blick in die kleine Kammer werfen können, aber der Blick, den er seiner schlechteren Hälfte zuwarf bedeutete Mord und Todschlag.
„20 Minuten?“ Er prustete verächtlich. „Das glaubst du doch wohl selber nicht“ Aber da hatte man ihm die Tür schon wieder vor der Nase zugeschlagen. Ein paar Mal hämmerte er noch gegen die Tür, ohne große Hoffnung. Er fluchte leise. Aber seine Konzentration begann längst schon wieder, abzunehmen. Entweder San brach diese verdammte Situation auf der Stelle ab oder kam endlich zum Punkt, damit auch er selbst von diesem unangenehmen Druck befreit wäre. Kurz spielte er sogar mit dem Gedanken, sich selbst in eine ruhige Ecke im Badezimmer zu begeben, um die Sache zu beenden. Mal sehen, was Molly dann von ihrem neuen Lover halten würde. Aber er entschied sich dagegen, wollte sich selbst die Blöße nicht geben.
Er sah es nicht als Aufgeben, sondern viel mehr als klügeres Nachgeben. Ins Labor konnte er jetzt nicht mehr und überhaupt wollte er gerade keine Menschen um sich haben, lehnte sich stattdessen mit dem Rücken direkt gegen die Wand neben der Tür und ließ sich dann zu Boden gleiten, die Augen geschlossen, den Kopf leicht zurückgelehnt. Immer wieder entwich ihm ein leiser Fluch, aber sein Kopf durchspielte schon verschiedene Szenarien der Rache. Hauptsächlich, um seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, als die, die ihm unglücklicherweise vorbestimmt wurde.
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